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Anna schaut abwechselnd zu Bastian und zur Kindlichen Kaiserin. Wie angewurzelt steht sie da und bringt keinen einzigen Ton heraus.
 
Wie oft hatte sie in ihrem Leben darüber nachgedacht, ob an der Unendlichen Geschichte, der Kindlichen Kaiserin und all den Gestalten, die darin vorkommen, vielleicht doch etwas Wahres dran sein könnte. Und wie oft hatte sie den Gedanken auch direkt wieder verworfen.
 
Und jetzt steht sie hier und kann sie direkt vor sich sehen. Nach einigen Momenten des erstaunten Schweigens sagt die Kindliche Kaiserin zu Anna gewandt:
 
„Herzlich Willkommen in Fantasien, liebe Anna. Wir haben sehr lange auf Dich gewartet!“
 
„Wirklich?“ ist das einzige was Anna vor Verwunderung herausbringt.
 
„Ja. Natürlich.“ sagt die Kindliche Kaiserin sanft und lächelt Anna liebevoll an. Doch in ihrem Blick liegt trotz ihres Lächelns unverkennbar auch eine große Traurigkeit.
Die Kindliche Kaiserin scheint Annas Gedanken zu erraten, denn sie sagt: „Mach Dir keine Sorgen, liebe Anna. Du bist jetzt hier. Alles wird gut.“
 
„Aber warum bin ich hier?“ fragt Anna nun immer noch verunsichert, aber etwas energischer.
 
„Das soll Dir alles später Dein Bruder erzählen. Für den Moment ist nur wichtig, dass Du eines weißt. Solange Du hier bist und solange Du dieses Zeichen trägst, kann Dir nichts geschehen und niemand kann Dir ein Leid zufügen.“
 
Mit diesen Worten greift die Kindliche Kaiserin mit beiden Händen an die goldene Kette, die um ihren Hals hängt.
An der Kette hängt das Auryn, das Wahrzeichen Fantasiens und es sieht genauso aus, wie Bastian, der es ja selbst schon so oft getragen hat, es immer beschrieben hat.
 
Auf dem silbernen Amulett befinden sich die beiden Schlangen, die sie auch schon auf dem schwarzen Stein gesehen hatte. Sie beißen sich gegenseitig in den Schwanz und glänzen in goldenen Farbtönen. Sie nimmt die Kette ab und reicht sie zu Anna herüber.
 
Anna streckt eine Hand aus und die Kindliche Kaiserin lässt das wunderschöne Amulett geschickt auf Annas Finger gleiten. Mit der anderen Hand nimmt Anna die Kette.
 
Beides, Kette und Anhänger, sind erstaunlich leicht und als sich Anna nun vorsichtig die Kette um den Hals legt und das Auryn ihre Brust berührt, fließt ein warmer, wohliger Schauer durch Annas Körper.
 
Noch nie in ihrem Leben hat sie sich so sicher gefühlt, denkt sie plötzlich und ein Lächeln umspielt unvermittelt ihren Mund.
 
Die Kindliche Kaiserin nickt ihr zufrieden zu. „So ist es richtig.“ sagt sie. „Du kannst mir noch eine Frage stellen, bevor ich gehe und Euch beide alleine lasse.“
 
Anna überlegt fieberhaft, aber so sehr sie sich auch anstrengt, ihr fällt jetzt gerade keine Frage mehr ein. Dabei hatte sie doch so viele!
 
Die Kindliche Kaiserin sieht es und sagt erklärend zu Anna: „Vielleicht liegt es daran, dass es hier keine Fragen, sondern nur Antworten gibt“ und zwinkert Anna lustig zu. „Aber ich sage Dir Anna, falls Dir auf Deiner Reise hier doch noch die eine Frage einfällt, die Du mir stellen willst, so sprich sie einfach aus und ich werde Dir antworten.“
 
Anna schaut verwundert zu Bastian, doch auch der lächelt sie einfach nur an, ohne weiter etwas dazu zu sagen.
 
„Bist Du bereit für Deine große Reise?“ Anna schaut wieder zur Kindlichen Kaiserin, die ihr freundlich, aber bestimmt, diese Frage gestellt hatte. „Ja“ antwortet Anna sofort und ohne Zögern.
 
Genau wie alle Fragen, so schienen auch alle Zweifel aus ihr gewichen zu sein, seit sie diese Kette um den Hals trug. „Ja, das bin ich“ sagt sie noch einmal bekräftigend.
 
Sie sieht, wie die Kindliche Kaiserin eine Hand zu Bastian hin ausstreckt und eine Hand zu ihr. Bastian ergreift die Hand der Kindlichen Kaiserin und streckt seine andere Hand Anna entgegen. Anna nimmt zuerst Bastians Hand und dann die der Kindlichen Kaiserin von Fantasien.
 
Erstaunt bemerkt sie, dass die Pyramide zwischen ihnen inzwischen so schmal geworden ist, dass sie sich problemlos die Hände reichen können.
 
Jetzt jedoch wird die Pyramide immer noch schmaler, bis sich alle 3 Außenlinien der Pyramide in der Mitte vereinen und nur noch eine hell leuchtende Linie übrigbleibt.
 
Diese Linie wird zu einem hellen Strahl, der nach oben hin wächst und immer heller leuchtet. Alle drei schauen voller Staunen nach oben.
 
***
 
Wie immer freue ich mich sehr über Deine Gedanken zu den kleinen, veröffentlichten Teilen, die – wie Du bestimmt weißt – noch Rohfassungen sind. Denn dieses Buch entsteht hier live. 🙂
 
Alles Liebe
Christina

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