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Anna blinzelt verstört, so hell ist es plötzlich. Als ob ihr jemand direkt mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchten würde. Dann gewöhnen ihre Augen sich langsam an das Sonnenlicht und sie sieht, dass sie auf einer Wiese steht. Unglaublich viele, wunderschöne Blumen umgeben sie. Große und kleine, wundersam bunte und zum Teil ganz eigenartig geformte Blumen so weit das Auge reicht. Und die Farben! Anna ist sich sicher, dass sie in ihrem ganzen Leben noch nie so viele Farben auf einmal gesehen hat wie hier.

Wo ist sie hier und was hat das zu bedeuten? Anna sieht sich um, aber sie kann nichts sehen außer diesem Meer von bunten Blumen.

Vorsichtig streckt sie die Hand nach einer leuchtenden, gelbfarbenen Blüte aus, die direkt neben ihr ihre Blütenblätter nach der Sonne streckt. Sie möchte sie nicht pflücken, sondern mit den Fingern über das so samtig aussehende Blütenblatt streichen. Doch kaum berührt sie die Spitze des Blütenblattes, zerfällt die Blume augenblicklich komplett zu Staub.

Anna erschrickt sehr. Das hat sie natürlich nicht gewollt. Sie tritt einen Schritt zurück und dabei berührt ihr Fuß den Stängel einer weiteren Blume. Auch diese zerfällt sofort zu Staub.

Anna erstarrt. Was hat das zu bedeuten? Wie soll sie sich hier fortbewegen, wenn alles, was sie berührt, sofort stirbt und nur ein Häuflein grauer Staub davon übrigbleibt? Eine Weile steht sie einfach nur da und überlegt, was sie jetzt nur tun soll. Sie weiß, dass sie nicht ewig hier so stehenbleiben kann. Diese Blumenwiese scheint kein Ende zu haben und irgendwohin muss sie ja mal gehen. Doch jeder Schritt, den sie tut bedeutet den Tod mindestens einer Blume, so dicht stehen sie zusammen.

Eine ganze Weile steht sie so ratlos da und schaut sich um. Leise Verzweiflung macht sich in ihr breit, sie möchte keine Schneise der Zerstörung hinterlassen, nur um irgendwo hinzukommen, von dem sie noch nicht mal weiß, was oder wo es ist. Doch hier stehenbleiben kann sie auch nicht. Wohin hat Bastian sie hier nur geführt? Und wo ist er überhaupt? Warum ist er nicht hier? Was soll sie denn hier so allein, wo sie nur Schaden anrichten kann in all der Schönheit um sie herum?

Vielleicht war es ein ganz dummer Fehler, mit ihm zu gehen. Beinahe kommt es ihr vor, wie eine Falle. Eine Zwickmühle. Die drohende, schleichende Kälte in der absoluten Dunkelheit, in der sie vielleicht nie wieder etwas tun hätte können auf der einen Seite… auf der anderen Seite das Licht und die Farben, wo jedoch jede Bewegung den Tod so einer wunderschönen Blume bedeutete.

Nochmals spähte sie angestrengt zum Horizont, ob dort vielleicht nicht irgendwo doch etwas zu erkennen war. Wenn sie wenigstens ein Ziel hätte, dann würde sich das Zerstören einiger Blumen auf dem Weg dorthin vielleicht nicht ganz so schlimm anfühlen. Dann wäre es nicht ganz so sinnlos. Doch da ist nichts. Hoffnungslos lässt sie ihren Blick nach unten sinken.

Da bemerkt sie, dass sich neben ihr am Boden etwas bewegt. Der Staub, der ersten zerfallenen Blume scheint sich fast unmerklich zu bewegen und langsam von einem Punkt weg zur Seite zu fallen. Es sieht aus, als würde sich eine winzig kleine Erhöhung unter dem Staub bilden und plötzlich spitzt aus dem Grau ein pinkfarbener, kleiner Punkt heraus. Der kleine Punkt wird immer ein bisschen größer und schon kann Anna erkennen, was das wohl werden wird. Es sieht aus, als drückte sich direkt vor ihren Füßen, dort wo eben noch die gelbe Blume gestanden hatte, eine kleine, rasch wachsende pinke Knospe aus dem Boden.

Erstaunt schaut Anna zu, wie die gelbe Knospe langsam größer wird und es ist schier unglaublich, mit welcher Kraft und Geschwindigkeit dies geschieht.

Und plötzlich schießt Anna der Gedanke durch den Kopf, dass sie diese neue Blume wieder zerstören wird, wenn sie noch länger hier stehenbleibt, denn sie ist ihr so nahe, dass es kein Ausweichen gibt. Es würde sich nur noch um einige Minuten handeln, dann wäre die Knospe so groß, dass sie sie unweigerlich berühren würde.

Wenn das nicht geschehen soll, muss sie gehen. Irgendwohin. Und vielleicht ist das ja ok. Wenn jede Blüte, die durch ihr Fortbewegen kaputt gehen wird, so schnell nachwächst wie die gelbe bzw. jetzt pinke Blume, dann dauerte es sicherlich nicht lange, bis der Weg, die Schneise, die sie schlagen wird, wieder mit bunten Blumen bewachsen ist.

Hoffnung keimt in ihr auf. Sie schaut die immer noch rasch wachsende gelbe Blüte noch einmal an, spürt einen Moment tiefer Dankbarkeit und dann… geht sie los. Einfach geradeaus.

Die ersten paar Minuten fühlt es sich noch nicht sehr gut an. All der Staub hinter ihr, der durch ihre Schritte auch noch leicht aufwirbelt. Hier und da dreht sie sich um und späht zurück, ob sich die Schneise hinter ihr auch wirklich schließt. Doch so schnell wachsen die Knospen auch wieder nicht und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als Vertrauen zu haben. Und nach einer Weile ist dann auch das ungute Gefühl weg. Sie hebt den Kopf, schaut nach vorne auf die bunten, herrlichen Farben, genießt die warme Sonne auf ihrer Haut und geht einfach der Nase nach immer geradeaus.

Sie hat kein Zeitgefühl. Irgendwann, sie weißt nicht genau, wie lange sie schon gelaufen ist, werden ihre Beine ein wenig schwer, doch sie geht einfach immer weiter. Jetzt nimmt sie auch die unterschiedlichen Düfte war, welchen die Blumen um sie herum verströmen. Warum ist ihr das vorher gar nicht aufgefallen?

Und plötzlich sieht sie in der Ferne etwas, das sich vom bunten Blumenmeer deutlich abhebt. Eine Form, die etwas höher ragt, als die Blumen selbst. Sie bleibt stehen, um ihren Blick noch mehr zu fokussieren, aber sie kann nicht erkennen, was es ist. Doch das ist egal. Neue Kraft durchströmt sie augenblicklich. Jetzt hat sie ein Ziel. Sie wird herausfinden, was die unscharfe Form am Horizont ist.

Sie setzt sich wieder in Bewegung. Immer geradeaus.

 


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