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Der Wecker klingelt. Anna wacht auf, drückt die Snooze-Taste und öffnet langsam und verschlafen die Augen. Was? Schon wieder hell? denkt sie und dreht sich nochmal um. Sie hat keine Lust aufzustehen. Es ist doch eh jeden Tag der gleiche Trott…

Der Wecker klingelt wieder. Jetzt ist es wirklich Zeit und widerwillig steht Anna auf und schlurft ins Bad. Sie putzt sich die Zähne, kämmt sich die Haare und schaut sich mürrisch im Spiegel an. Hast auch schon mal besser ausgesehen, denkt sie sich und dreht sich schnell vom Spiegel weg.

7:30. Sie ist spät dran. Für einen Kaffee ist keine Zeit mehr, also schlüpft sie schnell in ihr am Vorabend zurechtgelegtes Kostüm, nimmt noch einen Schluck von dem übrigen Tee von gestern, verzieht ein wenig den Mund, als der jetzt zu bittere, schwarze Tee einen unangenehmen Nachgeschmack auf ihrer Zunge hinterlässt, schlüpft in ihre Pumps, nimmt im vorbeigehen ihre Handtasche und den Schlüssel und zieht die Tür der schicken 2 Zimmer Wohnung im 3. Stock des schicken Berliner Wohnhauses zu.

Wie immer braucht der Aufzug zu lange bis er im 3. Stock ankommt. Anna hört, wie sich im zweiten Stock unter ihr die Türen öffnen. Wie schafft es der Kerl unter ihr, immer im exakt gleichen Moment das Haus zu verlassen, wie sie selbst, denkt sie grimmig und tippt mit den Fingern ungeduldig auf ihrer Handtasche herum. Sie hört, wie sich die Aufzugtüren langsam – so langsam – wieder schließen.

Ihre Gedanken schweifen ab. Wie lange macht sie nun diesen Job schon? Wann genau hat das Leben angefangen öde und eintönig zu werden? Sie erinnert sich an diesen Tag im Mai vor ziemlich genau 26 Jahren. Der Tag, der alles veränderte. Der ihren Glauben erschütterte und seitdem sich das Leben wie in einem Traum von selbst abspulte.

Es war der Tag, an dem ihr großer Bruder wie vom Erdboden verschwand. Sie war damals 10 und sie hatte noch seine Stimme im Ohr, wie er ihr von seinen Abenteuern erzählte. Sie konnte nicht mehr Gute Nacht sagen, konnte sich nicht mehr verabschieden, denn sie schlief einfach ein. Glücklich. Geborgen. Und voller Vertrauen.

Und am nächsten Morgen war alles anders.

PLING! Der Aufzug ist da und reißt Anna aus ihren Gedanken.

„Guten Morgen“ sagt sie zu dem Mann aus dem Stockwerk unter ihr. „Guten Morgen Anna“ antwortet er gutgelaunt „wie geht es Ihnen heute?“ Warum ist der Typ immer so gutgelaunt? „Danke gut. Und Ihnen?“ antwortet sie höflich, aber gelangweilt und drückt den Knopf für die Tiefgarage. „Danke auch gut“ erwidert Raoul. Er hatte sich ihr ungewollt vor einigen Tagen vorgestellt. Sie war immer noch verwundert darüber, wie man einer fremden Person während einer Aufzugfahrt vom Erdgeschoss in den 2 Stock seine halbe Lebensgeschichte erzählen konnte! „Ich habe gesehen, dass Sie immer mit dem Auto fahren, Sie sollten es mal mit dem Fahrrad versuchen, das ist gut für die …“ er stockt als ihn Annas Blick trifft „…. Gesundheit!“ sagt er schnell und schaut verlegen auf die Anzeige über ihnen.

PLING! Zum Glück. Erdgeschoß. Raoul steigt aus und geht zum Fahrradständer vor der Haustür. Die Aufzugtüren schließen sich wieder. Was für ein Idiot! Was erlaubt der sich eigentlich? empört Anna sich innerlich, doch schon ist sie in der Tiefgarage angelangt, steigt in ihr Auto und ist schnell mit den Gedanken wieder woanders. Ein anstrengender Tag liegt vor ihr und sie hat nun wirklich keine Zeit sich mit einem Typen wie Raoul rumzuärgern. Sie hat schließlich ein Leben! Oder?

Anna fährt aus der Tiefgarage auf die Straße. Dabei streift ihr Blick den Rückspiegel und für den Bruchteil einer Sekunde sieht sie ein fremdes, aber doch irgendwie so vertrautes Augenpaar darin. Sie erschrickt und ganz unvermittelt ist da ein Gefühl unendlicher Verzweiflung und Kälte, das sie wie ein eiskalter Nebelschwaden streift. Anna erschaudert. Und übersieht den Laster, der von links kommt. Es knallt fürchterlich. In diesem Moment weiß sie, wenn sie im Spiegel gesehen hat. Mit letzter Kraft schreit sie seinen Namen so laut ihr verstummender Atem es zulässt durch den Höllenlärm des berstenden Metalls: „BASTIAN!“

Dann ist es dunkel.

 

 


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